Geschichte/n

 

 

Hier stelle ich einige meiner kürzeren Geschichten aus, wieder in der Hoffnung dass sie euch gefallen.

Anfangs wird es nur eine sein, doch mit der Zeit werde ich auch hier einige weitere hinzufügen.

 

 

Der Mann mit der Rolle:

 

Dies ist eine traurige, nicht sonderlich leicht zu lesende Geschichte. Den eigentümlichen Schreibstil verdanke ich der Tatsache dass ich die Geschichte kapitelweise um ungefähr 3 Uhr nachts verfasste. Nicht wundern, es gibt absichtlich keine direkten Reden, viel Vergnügen!

 

 

Kapitel 1, Zwei Männer:

Der Boden war hart und trocken. Von Rissen durchzogen und vom Staub unzähliger Generationen bedeckt, bot er gerade noch dem Wind die Möglichkeit, Asche und Blätter über ihn hinweg zu treiben, für mehr reichte es dann schon nicht mehr.
Auf den Ruinen ehemals schön anzusehend gewesener Gebäude suchte ein magerer Salamander nach einer Chance zu überleben. Verfallen und der Verwitterung durch den Wind preisgegeben, lag das Dorf in den Trümmern seiner einstigen Schönheit. Wie die Götzen vergangener Zeiten streckten sich die Kadaver der Grundmauern gen Himmel, als hofften sie noch einmal vor dem endgültigen Zerfall ein Ort der Heimat sein zu können, und sei es auch nur für Kriechtier.
Auf dem Schutt seiner Vergangenheit saß ein alter Mann und schnitze an einem Stock. Seine Augen waren leer und starrten gebannt in das Nichts seiner Erinnerungen, die wie Schatten in der Dämmerung nichts mehr weiter zu sein schienen als eine Illusion vergangener Träume.
Sein Tun hatte keinen besonderen Sinn. Er saß weil er zu müde war zum Stehen, zu müde zum Arbeiten, zu müde wieder Aufzubauen, vielleicht sogar zu müde zum Leben.
Er schnitzte, weil er es gewohnt gewesen war etwas zu tun. Aus keinem anderen Grund. Er musste einfach etwas tun und mochte es noch so sinnlos und unbedeutend erscheinen. Das Schnitzen von Stöcken war so zu seinem Lebensinhalt geworden, der Sache die seinem Leben Inhalt und vielleicht so etwas wie Sinn zu geben vermochte.
Durch das Geräusch von tauben Schritten auf dem morschen Boden aus seiner Trance erwacht sah der Alte langsam auf. Im Grunde war es ihm egal wer oder was auf ihn zuging oder welche Absichten von diesem Besucher gehegt wurden. Er sah auf um  aufgesehen zu haben, um gezeigt zu haben, dass sogar er noch in der Lage war jemandes oder etwas mit seinen alten Blicken zu würdigen.
Schwer schreitend, jedoch aufrecht trat ein anderer Mann auf ihn zu. Er machte einen ebenso ungesunden Eindruck wie der alte Mann und doch strahlte er eine Aura der Stärke aus. Es schien, als hätte er trotz der überwältigenden Sinnlosigkeit der Situation in der er sich befand, als er den zerstörten Ort betrat, einen Sinn hinter alledem gefunden.
Die Augen des Alten öffneten sich ein wenig weiter. Wie ein Leuchtturm im dichten Nebel erschien diese, durch die Wirkung ihrer eigene Präsenz, die so stark im Widerspruch zu ihrer Umgebung stand, unreal wirkende Figur eines Mannes.
Auf dem Rücken trug er eine Rolle aus Pappe, wie man sie früher verwendete um Bilder darin aufzubewahren. Um seine Hüfte war ein kleiner Beutel geschnürt.
So fand der Mann mit der Rolle einen Moment der Ruhe vor dem alten Mann. Sie sahen sich an. Zwei Relikte einer vergangenen Zeit, jede ihrem eigenen Ziel zustrebend und ihren eigenen Weg gehend, der sie über kurz oder lang zu dem gleichen Ziel führen würde, dem Ziel auf dass alles was entsteht unweigerlich zustrebt.
Der Mann mit der Rolle grüßte, einen neutralen und doch durch die Betonung der Worte beinahe zur Freundlichkeit erhobenen Gruß. Der Alte, etwas abgeschreckt durch die Erscheinung und das Gebären des Mannes mit der Rolle fand keinerlei Worte sondern nickte stattdessen und versuchte seiner Geste so viel Freundlichkeit wie möglich zu verleihen, denn diese war rar in jenen Tagen.
Der Mann mit der Rolle öffnete diese und zog ein Bild heraus. Wie ein Klumpen Gold in einem Haufen Kohle wirkte dieses beinahe schon mystisch anmutende Artefakt der einstmals so blühenden und viel geliebten Zivilisation, die nun auf ihren eigenen Trümmern dem gänzlichen Verfall entgegensteuerte.
Er zeigte dem alten das Bild. Dieser, besah es sich so gut es mit seinen alten, müden Augen nun mal ging und wartete.
Ob er den abgebildeten Ort kenne, fragte der Mann mit der Rolle, ob er denn wüsste wie man dorthin gelangen könnte.
Der Alte Mann nickte und deutete in eine Richtung. Es war die richtige, obwohl es nur eine von einer grenzenlosen Auswahl an Möglichkeiten war. Er hatte keinen Grund zu lügen. Ebenso wenig, wie er einen Grund zum Leben oder zum Sterben hatte.
Der Mann mit der Rolle steckte das Bild wieder weg und bedankte sich höflich. Dann setzte er, neue Kraft aus der Information, die für jeden anderen Menschen so nutzlos und sinnlos wie nichts anderes wirken mochte, seinen Weg fort.
Durch eine Frage des alten Mannes, der seine zahlreichen Verwunderungen verkraftet und die Fähigkeit zu Sprechen wieder gefunden hatte, aufgehalten wandte sich der Mann mit der Rolle noch einmal um und ein bitteres Lächeln zeigte sich flüchtig auf seinem traurigen Gesicht, als er die Frage beantwortete und auf den Beutel an seiner Seite deutete.
Er war schon lange verschwunden, doch der Alte saß immer noch auf den Trümmern seiner einstigen Hoffnungen und Träume und weinte. Er weinte ehrliche Tränen der Rührung, die sein Gesicht herunter liefen und auf den Boden fielen, der sie gierig aufsog, als wolle er alles was gut und schön war dem Vergessen anheim fallen lassen.
Der Alte ging nicht weg. Er saß und weinte. Die Sonne senkte sich langsam über den Horizont und wich einer einsamen und dunklen Nacht.

 

Kapitel zwei, Der Schatz:

Nacht umschloss die Welt. Wie ein gewaltiges Kissen senkte sich die Dunkelheit über eine Dorfruine, als ob die alles lenkende Kraft alle Hoffnung ersticken wollte.
Die Gestirne konnten nicht die nötige Kraft aufbringen die Finsternis zu durchdringen. Erdrückende Schwärze, die den Anschein machte sogar Laute zu verschlucken.
Eine Mauer aus Ziegelsteinen erhob sich aus der Eintönigkeit der Ruinen. Sie hatte nichts womit sie auffallen könnte. Sie war bloß eine Wand von vielen, die zusammen das Bauwerk des Einstigen bildeten. Die ehemalige Heimat vieler Menschen, zusammengefallen zur Behausung schlimmer Erinnerungen, konservierten sie nur mehr die Verzweiflung über die Sehnsucht nach dem entrissenen Vertrauten.
Der Schein von Flammen erleuchtete die Wand und verlieh ihr damit die Aussagekraft eines Mahnmals, welches den Betrachter gebot über den Gedanken an seine verlorene Geborgenheit zu verzweifeln. So, zum abstrakten Negativ seiner früheren Funktion verkehrt, bot sie gerade noch genug Schutz vor dem unbarmherzigen Wind, um das Feuer weiterhin zu bemächtigen sie weiterhin aus der Umwelt hervorzuheben.
Zwei einsame Seelen saßen um das Feuer und starrten in die Flammen, desillusioniert und durch die Abschottung in ihre eigenen Gedanken vor einander vereinsamt, obwohl sie keinen Arm weit einen Leidgenossen gehabt hätten, der sie hätte trösten können, den sie hätten trösten können. So verzweifelten beide zusammen, und doch jeder für sich anstatt sich gegenseitig Heilung anzubieten.
Ein Geräusch ließ die beiden aufsehen. Sie sahen auf, weil sie es so von ihren Erinnerungen gewohnt waren. Irgendwo tief in ihnen war dieser Reflex verwurzelt, auch wenn es ihnen im Grunde ihrer Herzen gleichgültig war was der Urheber des Geräusches gewesen war.
Der Mann mit der Rolle, weitergereist, auf der stetigen Suche nach seinem Ziel, dem er sich unablässig näherte war aus dem Schatten der Ruine getreten und sah die beiden an.
Ihre Blicke trafen sich. Ein magischer Moment entstand durch die unterschiedlichen Energien, die von den Augen der Sehenden ausging, ausgelöst wurde.
Die Verzweiflung über das was einst war traf die Kraft über das Künftige.
Der Augenblick wurde jäh unterbrochen als der Mann mit der Rolle die beiden Seelen zurück in die grausame Realität holte, in dem er einfach fragte ob es ihm erlaubt sei, sich dazuzusetzen.
Die beiden nickten.
Er setzte sich, und es schien als würde die Last der körperlich wie mental anstrengenden Reise von ihm Abfallen wie der Staub von seinen Schultern abfiel und sich in der Luft verteilte.
Die Erschöpfung wich einer fundamentalen Müdigkeit, dem Gefühl die Last einer Welt abgelegt zu haben um die eines Universums weiter zu tragen, beschwert durch die unbeugsame Schwere der eigenen Gedanken, die einem Planetensystem gleich um nur einen Mittelpunkt kreisten, dem Ausgang der Reise.
Dadurch überwältigt, sank der Körper des Mannes auf den Boden, den Geist jedoch auf wundersame Weise in einen leichten, traumlosen Schlaf hinaufsteigen lassend, die paradoxe Differenz zweier Kräfte verdeutlichend, den schweren Körper und den leichten Geist.
Sich die stille Regungslosigkeit des Fremden in einer fremden Welt zunutze machend, begab sich einer der beiden langsam näher um seine Neugier zu stillen, gleich einem Dürstenden an einem verlockenden Brunnen.
Die Rolle interessierte im Moment nicht, das Objekt der Begierde war der kleine Beutel, den der Mann mit der Rolle um die Hüfte trug.
Warum wusste die einsame Seele nicht. Vielleicht war es ein genitaler Zwang zuerst das Objekt zu untersuchen, dass ich jenem Körperteil am nächsten befand, vielleicht war es die Banalität der Rolle, die davor abschreckte sie genauer zu untersuchen, vielleicht aber auch die Bescheidenheit und Unauffälligkeit des Beutels, die gegenteilig wirkend die Aufmerksamkeit auf sich zog.
Die ungeschickten, aus der Übung komplizierter Greifmechanismen geratenen Finger vermochten es trotz aller Anstrengung nicht das Band zu lösen.
Der Mann mit der Rolle erwachte, durch das unnatürliche Gefühl an seiner Seite geweckt und erschrak zutiefst. Zugleich wandelte sich der Schreck in Wut über die Dreistigkeit des anderen in die Privatsphäre des Mannes einzudringen.
Er erhob sich zur vollen Größe, ein erschreckendes Bild darbietend und machte seinem Ärger Luft.
Dieses fürchterliche Bild der Dominanz ließ die beiden vor Ehrfurcht erzittern und dann ihre eigene Unterlegenheit gegenüber dem anderen erkennen, worauf sie ihren Instinkten folgten und die Flucht ergriffen.
Nun wieder einsam setzte der Mann mit der Rolle seinen Schlaf fort, den Beutel fest umklammert.
Selbst in dieser von Verzweiflung geprägten Welt gab es Dinge die es Wert waren beschützt zu werden.

 

Kapitel 3, Güte:

Die Sonne schien, sie brannte, sie verbrannte alles was von einer einst blühenden Zivilisation, von einer ehemals erträglichen Lebensweise übrig geblieben war. Sie schenkte keine Hoffnung, keine Freude, wie in unbeschwerten Zeiten, sie labte sich an der Hoffnungslosigkeit der Menschen und erleuchtete auf geradezu zur Schau stellenden Weise, das was sie in der Vergangenheit mit Stolz ihr Eigen nannten, doch jetzt zum Mahnmal ihrer eigenen Überheblichkeit geworden war.
Die Menschen versteckten sich. Vor der Sonne, vor dem was sie enthüllte, vor dem was war, vor dem was kommen mochte, vor sich selber. In Scham versteckten sie sich im Schatten von allem was übrig geblieben war, die Augen in Verzweiflung vor dem verschließend, was sie sehen könnten. Die Ruinen ihrer Vergangenheit.
Durch diese, ehemals schöne und fröhliche Stadt, doch nun zum Hort der Erniedrigung verkommenen Skelett seiner Vergangenheit, wanderte der Mann mit der Rolle.
Seine wunden Füße trugen ihn weiter, unermüdlich seinem Ziel entgegen, dass ihn rief, ansog wie das Licht die Motten.
Er ignorierte die leeren, starrenden Blicke der anderen, derer, die sich versteckten vor Dingen, vor denen es kein Entkommen gab. Er ging weiter, die Augen klar, der Verstand ungetrübt, seinem Ziel entgegen, von dem er gleich einer Prophezeiung wusste, dass es nicht mehr weit war.
Wie ein Geist, ein Held, eine Legende wirkte diese Gestalt eines Mannes, der unerschütterlich seinen Weg beschritt. Obwohl so bedeutungslos wie alle anderen, erweckte er doch Neugierde, Interesse, vielleicht sogar Hoffnung. Nicht weil er etwas besonderes war, oder tat, sondern weil er die Hoffnung nicht aufgegeben hatte, weil er ein Ziel hatte, dass ihn einnahm, dass seine ganze Aufmerksamkeit erforderte, ein Ziel das, so nichtig es auch sein mochte, zu seinem Lebensinhalt geworden war.
Die Menschen krochen aus ihren Verstecken, sahen dem Mann nach, vergessend, dass sie die Sonne scheuten, vergessend was war, nur noch auf diesen Leuchtturm der Hoffnung fixiert.
Sie begannen miteinander zu reden. Zuerst flüsternd, wie in der Angst durch laute Worte die Schrecken der Vergangenheit wieder aufleben zu lassen, dann jedoch immer sicherer und schließlich schon fast rufend, sprachen sie miteinander, wie schon seit langem nicht mehr.
Der Mann mit der Rolle ging weiter, bemerkte nicht, was er ausgelöst, was er den Menschen wieder gebracht hatte. Er erstieg einen Hügel außerhalb der Stadt und sah sich um.
Vor einer notdürftig zusammengebauten Hütte saß ein junges Mädchen und spielte mit ein paar Stöcken. Selbst das Mindeste vermochte in dieser Zeit Nutzen zu finden.
Sie erblickte den Mann und winkte ihm zu ihr zu kommen. Der Mann folgte der Aufforderung und holte währenddessen das Bild aus der Rolle hervor.
Er zeigte es dem Mädchen das Bild.
Es überlegte einen Moment, der wie eine Ewigkeit zu vergehen schien, jeder Atemzug schien in der Lunge zu brennen, die Luft des Heutigen einsaugend, an die Gerüche des Vergangenen erinnert und sie wie zum Hohne wieder dem Vergessen anheim fallen lassend.
Dann endlich antwortete das Mädchen auf die Frage des Mannes indem es nickte und in eine Richtung zeigte. Der Mann bedankte sich und steckte das Bild wieder weg. Er wollte weitergehen, seine Aufgabe erfüllen, seine Reise beenden, das Herz, vor Aufregung wild in der Brust schlagend, beruhigen, als ihn das Mädchen zurückhielt.
Sie fragte ihn ob er etwas zu Essen hätte, auch wenn es nur wenig wäre. Sie hob den Saum ihres Kleides, eher ein zu langes Hemd, und entblößte ihren Unterleib.
Sie würde auch bezahlen, meinte sie.
Der Mann sah auf das kleine Geschöpf vor sich. Zu jung zum überleben, zu alt um ohne Widerstand zu sterben, verkaufte sie sich, ihren Körper an Fremde um zu überleben, ohne darauf zu achten, dass sie das Zeichen, das Symbol der Unschuld und Reinheit, das sie allein durch ihre zarte Gestalt, ihr junges Auftreten, unbeabsichtigt darstellte, in ein groteskes Zerrbild eben dessen verkehrte, ein realer Albtraum, eine wirklich gewordene Schreckensvision.
Der Mann holte zwei Äpfel hervor und gab sie dem Mädchen, dann wandte er sich ab und beschritt weiter seinen Weg.
Das Mädchen ließ sich fallend und machte sich über die Äpfel her, als hätte es seit Tagen nichts gegessen. Es weinte.
Nicht weil der Mann ihr Angebot abgeschlagen hatte, sondern weil er ihr etwas geschenkt hatte. Nicht die Äpfel, die klein und ungenießbar erschienen, sondern weil er ihr das wertvollste und seltenste Geschenk gemacht hatte, dass es in diesen Tagen gab. Etwas, dass so selten, so unauffindbar schien, dass es schon fast in Vergessenheit geraten war.
Er hatte ihr Güte geschenkt, Freundlichkeit, Herzlichkeit. Er gab ihr etwas, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, ohne die Gegenleistung anzunehmen.
Das Mädchen weinte, vor Freude, vor neu gewonnener Hoffnung, der Mann mit der Rolle hatte ihr gezeigt, dass es selbst in jenen Tagen noch freundliche Menschen gab.

 

 

 

Kapitel 4, Wieder zusammen:

Ein einsamer Hügel erhob sich über die trostlose Landschaft. Ein stiller Zeuge der Zeit, seit Jahrhunderten von Wind, Wetter, Mensch und Tier geformt, sich stetig weiterentwickelnd, verändernd, ein Repräsentant der Zeiten.
Auf ihm einige Bäume, der Überrest eines ehemals schönen Waldes, der den Wandel der Zeiten nicht überlebt hatte, sie streckten sich in den Himmel wie die Rippen eines Kadavers.
Ebenso aufrecht und vergänglich schienen die Säulen einer Gebäuderuine, auf der Mitte des Hügels. Fingern der Hand eines ertrinkenden gleich griffen sie nach dem Himmel, ein stummer Schrei nach Rettung derer die nicht gerettet werden können. Einst Träger eines stolzen Gebäudes, doch nun zur Zierde, zum Sichtschutz der Trümmer verkommen, ein Schreckensbild seiner eigenen Vergangenheit, dem Schutt des Bauwerks, menschlicher Hand Schatten spendend.
Nicht weit davon ein einsamer Baum, seine dürren Äste in alle Richtungen streckend, wenige noch belaubt und lebendig, lebend verfallend, der Vergessenheit preisgegeben, wenn nicht noch diese eine Sache gewesen wäre.
Diese eine, für viele unscheinbare Sache, die doch einem Menschen zumindest von überlebenswichtiger Bedeutung schien. Für diesen einen Mann, der auf den ersten Blick stets so unscheinbar schien wie diese kleine Sache, so unbedeutend, wie der Baum, der immer über sie gewacht hatte und dennoch etwas Besonderes war.
Dieser Mann stand auf dem Hügel, das Bild aus seiner Rolle in Händen, den Blick traurig vom Bild zur Realität wechselnd.
Dann wanderte sein Blick zu dem Baum und seine Füße setzten sich von alleine in Bewegung. So lange sie den Mann auch getragen hatten, so müde schienen sie jetzt mit jeder weiteren Bewegung zu werden. Jeder weitere Versuch dem ersehnten Ziel näher zu kommen schien ihnen die Kraft zu rauben.
Dann, nach einer Zeitspanne, kurz wie ein Seufzer, jedoch im Geiste eine Dauer von Jahren gleich, stand der Mann vor dem Baum und sah hinab.
Dort, im Schatten des Wächters stand eine Steintafel. Sie war schlicht und schmucklos. Grauer Marmor, leicht abgetragen durch die Umwelt, beschmutzt vom Regen, gebrochen von Stürmen, verwittert durch Winde.
Der Mann strich sanft mit der hand darüber, als würde er ein lebendiges Wesen liebkosen und nicht einen harten, unnachgiebigen, kalten Marmorblock berühren, der seine Berührung weder fühlen noch anders wahrnehmen konnte.
Eine Gravur zierte seine Fläche. Sie war unvollständig, ein Name fehlte, gebrochen von herabfallendem Geäst des Baumes. Als einziges verblieben das Datum und der Schriftzug:
Geliebte Ehefrau
Der Mann band den kleinen Beutel an seiner Hüfte vorsichtig los, als wäre er aus Glas, als wäre er zerbrechlich und wertvoll. Er schnürte ihn auf und drehte ihn langsam und bedächtig um.
Heraus rieselte grauer Staub,
Asche.
Die Asche seiner Vergangenheit, die Essenz seiner Reise, das Überbleibsel seines Schicksals.
Er verstreute die Asche über dem Grab der Frau. Wie ein Schleier, gespenstisch, romantisch, schwebten die Überreste zu Boden, vermischten sich mit dem Staub und dem Boden.
Der Mann setzte sich neben das Grab. Er lächelte. Er freute sich, dass er seine Mission beenden, seine Reise abschließen konnte. Er freute sich wieder dort zu sein, unter dem toten Baum, bei den Ruinen eines Gebäudes.
Er freute sich von ganzer Seele und doch weinte er aus dem tiefsten Grunde seines Herzens. Sturzbäche von Tränen liefen über sein lächelndes Gesicht, fielen herab, versickerten im Boden.
Er saß dort lachte und weinte zur gleichen Zeit, freute sich und trauerte zu gleichen Teilen, ein Symbol der Gegensätze, die sich ins Gleichgewicht bringen, das Gleichgewicht der Bitterkeit.
Ein Windstoß tippte das Bild an, hob es, trug es davon, als wolle er der ganzen Welt zeigen, was es zeigte. Der Mann machte keine Anstalten es zurückzuholen. Es hatte seinen zweck erfüllt, seine Mission abgeschlossen, seine wichtigste Reise beendet. Nun war es ein Spielball der Zeiten, wie der Mann, der sich nicht regte, still leidend und lachend unter dem Baum saß, neben dem Grab einer Frau.
Das Bild blieb vor den Füßen eines alten Mannes liegen, der Stöcke schnitzte. Er blickte von seiner Arbeit auf und hob es hoch. Er blies den Staub davon herunter und betrachtete es, verschwamm regelrecht damit, anders als beim ersten Mal, wo er es zu sehen bekam, denn jetzt wusste er, was es damit auf sich hatte.
Es zeigte ein großes Haus mit vielen Säulen auf einem großen, leicht bewaldeten Hügel. Ein einzelner Baum stand etwas abseits, doch war er nicht ganz zu sehen, denn drei Personen verdeckten ihn ein wenig.
Zum einen der Mann mit der Rolle, er umarmte fröhlich lächelnd, eine schöne Frau, an ihren Ringfingern glänzten goldene Ringe.
Sie lächelten dem Betrachter entgegen, als gäbe es nichts auf der Welt, dass in diesem Moment, der durch das Bild für die Ewigkeit eingefangen war, eingefroren in der Erinnerung, dass sie je unglücklich machen könnte.
Zwischen den beiden, ein kleines Mädchen, freudig lachend, es hielt die Hand des Mannes und den Rock der Frau. Es hatte sein Haar und ihre Augen.
Eine glückliche Familie.
Der Alte begann zu weinen und rollte das Bild ein. Er legte es in einen Spalt, wo es von Wind und Wetter geschützt sein würde und wischte sich die Augen ab.
Die Familie hatte wieder zusammengefunden, durch das Chaos der Welt, die sie getrennt hatte.


Ende

Kostenlose Webseite von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!